14 2 / 2012
Kälte

“Gut, du bist wieder erwacht.”
Ich habe keine Ahnung, wieviel Zeit vergangen ist, seit ich das Bewusstsein verloren haben. Vor mir steht ein Widder - keines der Monster, gegen die ich mich zur Wehr setzen musste, sondern ein richtiges Tier, dass die Oberwelt seine Heimat nennen kann.
Mein Kopf und meine Muskeln schmerzen. Langsam kommen die Erinnerungen zurück. An den Sturz. An die Flucht vor der Lawine. An die Rettung in letzter Sekunde, bevor die Schneemassen über den Eingang der kleinen Höhle hinwegfegten.
“Wir scheinen gefangen zu sein. Kannst du gehen?”
Der Widder führt weiter hinein in die Höhle. Die Eisadern im Berg leuchten schwach, eine Erinnerung an das Tageslicht, dass irgendwo dort oben auf den Stein scheint. Kalter Schweiss lässt meine Kleidung an der Haut kleben. Ich kann kaum aufrecht stehen. Der Boden ist rutschig und uneben, ich muss acht geben, dass ich nicht stürze.
Nach einigen Minuten Fußmarsch weitet sich der Gang, bis wir einen großen Innenraum stehen. Die Decke ist so hoch, dass ich sie in der Dunkelheit kaum ausmachen kann.
Verschüttet. Den Gipfel hatte ich erklimmen wollen. Den Wächter des Gebirges bezwingen. Die Menschen zurück auf die Oberwelt führen. Von diesem Ziel bin ich so weit entfernt, wie es nur möglich ist.
“Das ist mein Gefährte.”
Auf der anderen Seite des Raums steht der Widder neben einem anderen seiner Art. Das Tier liegt starr auf dem Boden, es atmet nicht mehr.
“Das Schicksal ist unbarmherzig. Doch Tränen helfen nicht weiter. Sie bringen ihn nicht zurück.”
Für einige Momente stehen wir still beieinander und hängen unseren Gedanken nach. Das Licht aus dem Eis wird schwächer - über uns neigt sich der Tag dem Ende zu.
“Die Nächte hier sind eisig. Ich habe ein Fell, doch Du wirst bald frieren.”
Ich suche jeden Winkel der Raums ab, doch findet sich nichts, womit sich ein Feuer machen ließe. Das letzte bisschen Licht schwindet und ich taste mich zu dem Widder zurück, der sich neben seinen Partner gelegt hat. Meine Kleidung ist immer noch feucht von Schnee und meinem eigenen Schweiß. Die Kälte zieht mir in die Knochen und lässt mich zittern.
“Alle Wesen meiden die Dunkelheit, weil sie einsam macht. Vielleicht ist das der Grund, warum wir uns Partner suchen.”
In der Dunkelheit sehne ich mich zurück nach Krysta. Zurück zu meinen Freunden. Zurück zu Melina.
“Wollen wir ein wenig schlafen? Komm näher, ich halte dich warm…”
~
Ein dumpfer Lärm lässt mich hochschrecken. Ist die Höhle nicht stabil? Werden Eis und Gestein uns endgültig begraben?
“Tut mir leid, habe ich Dich geweckt? Du musst hungrig sein.”
Die Hörner des Widders hatten tiefe Furchen in die Eisader geschlagen, die den Raum erhellte. Ausser Atem lässt er sich neben der Leiche seine Partners wieder.
“Iss. Die Kälte hat das Fleisch haltbar gemacht.”
Einen Moment lang schaut der Widder mich eindringlich an. Dann beginnt, dem Toten die Haut von den Knochen zu ziehen.
“Er wird in mir weiterleben, deswegen tue ich es. Auf diese Weise wird er immer bei mir sein.”
Der Gedanke dreht mir den Magen um. Ich versuche, Stücke von dem gefrorenen Fleisch zu meinem Mund zu führen, doch bringe ich es nicht zustande.
“Ich verstehe. Das ist schlecht. Wenn du weitergehen willst, musst du dich stärken.”
Nach seiner Mahlzeit beginnt der Widder wieder damit, seine Hörner gegen die Eiswand zu schlagen.
“An dieser Stelle scheint das Eis dünner zu sein. Vielleicht kann ich es mit meinen Hörnern zerstören. Tritt zurück!”
Tatsächlich - hinter der Eisschicht ist eine weitere Höhle. Ist das Tageslicht am Ende des neuen Ganges? Können wir wirklich einen Ausgang gefunden haben?
“Oh nein…”
Das Ende des Ganges erinnert mich an einen zugefrorenen Brunnen. Es ist tatsächlich Tageslicht, was das Ende dieses Ganges beleuchtet. Doch scheint es von weit oben herab, durch ein großes Loch in der Decke, durch dass ich den blauen Himmel sehen kann.
“Meine Reise ist hier zu Ende. Doch du kannst nach oben in die Freiheit klettern!”
Er hat Recht. Ich greife nach dem ersten vorstehenden Stein und beginne meinen Aufstieg. Je näher ich dem Licht der Sonne komme, desto tiefer versinkt der Widder in der Dunkelheit der Spalte.
“Du wirst noch vielen Hindernissen begegnen - versprich mir, nie aufzugeben. Ich werde auf einem anderen Weg entkommen. Geh jetzt! Geh und setze deine Reise fort!”
~
Weitere Wortmeldungen findet ihr unter 52 Games: Kälte bei Zockwork Orange.
14 2 / 2012
Neubeginn

Ende 1996 erschien ein Action-RPG in einer der damals so beliebten Megaboxen mit tausendseitigem Lösungsheft, dass dem Begriff “Neubeginn” mehr als gerecht werden sollte. Im Ursprungsland Japan trug es den Namen “Erschaffung von Himmel und Erde” (天地創造 Tenchi Sōzō), in Europa kennen wir es unter dem Namen “Terranigma”.
Zu Beginn des Spiels hat unsere gute Mutter Erde es eigentlich schon hinter sich. Nach einem großen Kataklysmus sind die Kontinente in einer giftigen Urbrühe versunken. Nur in der Unterwelt des als hohl dargestellten Planeten gibt es noch ein von Menschen bewohntes Dorf. Von dort aus bricht der Held Ark auf um nicht weniger zu tun, als die Kontinente vom Meeresgrund zu heben, Pflanzen und Tiere zu befreien und letztendlich die Menschheit wiederzuerwecken und in die Zivilisation bis in die Neuzeit zu begleiten.
Dort müssen wir uns dann die Frage stellen, wer uns überhaupt durch die Neubeginn geleitet hat – und was wir tun müssen, damit die Geschichte nicht ein weiteres Mal in der Zerstörung von all dem, wofür wir gekämpft haben, enden wird.
„Terranigma“ ist in reichlicher Stückzahl auf dem Gebrauchtmarkt erhältlich. Wer noch ein Super Nintendo sein eigen nennt, braucht nicht mehr als 10€ für ein Modul in gutem Zustand anzulegen. Vom Spielprinzip ist es mit „Zelda“, „Secret of Evermore“ oder dem 2011 erschienenen „Bastion“ zu vergleichen, also auch für Nicht-Retrohelden mit sehr viel Spaß zu genießen.
Weitere Wortmeldungen findet ihr unter 52 Games: Neubeginn bei Zockwork Orange.